ESG-Reporting: „Transparenz fördert Nachhaltigkeit“
04.05.2026
Was bringt es, wenn Unternehmen über ihre Umweltbilanz informieren? Ein Interview mit Ökonom Thorsten Sellhorn über den Weg zu nachhaltigerem Wirtschaften
04.05.2026
Was bringt es, wenn Unternehmen über ihre Umweltbilanz informieren? Ein Interview mit Ökonom Thorsten Sellhorn über den Weg zu nachhaltigerem Wirtschaften
© LMU Munich School of Management
Professor Thorsten Sellhorn ist Direktor des Instituts für Rechnungswesen und Wirtschaftsprüfung der LMU. Im Interview erläutert er, wie Informationen über ökologische und soziale Folgen wirtschaftlicher Aktivitäten beeinflussen können, wie Menschen handeln.
US-Präsident Donald Trump gab lautstark die Devise aus, so viel Öl zu fördern wie möglich. Sie forschen dazu, wie sich Transparenz über klimaschädliche Aspekte der Wirtschaft herstellen lässt. Ist Ihre Forschung nicht etwas aus der Zeit gefallen?
Thorsten Sellhorn: Nein. Einige Personen in den USA und anderswo wollen zwar den Klimawandel leugnen, aber die Probleme verschwinden ja nicht, zu deren Lösung wir aus der Perspektive des Accountings etwas beitragen möchten.
Ähnliches hat man in den 1960er-Jahren gesehen, als die Tabaklobby versucht hat, das Wissen um die Tatsache zu unterdrücken, dass Rauchen krebserregend ist. Die Öl-, Gas- und Kohlelobby macht das jetzt ganz ähnlich.
Der Nutzen ist bisher nicht hinreichend bekannt, den diese Transparenzvorschriften haben, weil sie Nachhaltigkeit tatsächlich fördern oder zu besseren Entscheidungen führen.Thorsten Sellhorn, Direktor des Instituts für Rechnungswesen und Wirtschaftsprüfung der LMU
Hat sich der Wind beim Thema Nachhaltigkeit nur in den USA gedreht?
In Europa sieht man leider eine gewisse Gleichsetzung des Themas Nachhaltigkeit mit Bürokratie und mit Wettbewerbsnachteilen durch Bürokratie. Das liegt auch daran, dass EU-Regeln eine Reihe von Daten vorgeben, die große börsennotierte Unternehmen in ihren Nachhaltigkeitsberichten angeben müssen.
Es ist aus meiner Sicht eine wirklich beeindruckende Leistung der Unternehmenslobby, die mit wahnsinnigen Kostenschätzungen für diese Berichterstattungspflichten immer wieder in der Presse ist. Aber diese Schätzungen sind aus meiner Sicht völlig substanzlos. Gleichzeitig ist der Nutzen bisher nicht hinreichend bekannt, den diese Transparenzvorschriften haben, weil sie Nachhaltigkeit tatsächlich fördern oder zu besseren Entscheidungen führen.
Diesen Nutzen erforschen Sie aber in einem Sonderforschungsbereich.
Ja, in einem TransRegio-Projekt, dem TRR 266. Als wir im Jahr 2018 bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft den Antrag auf die ersten vier von hoffentlich insgesamt zwölf Jahren gestellt haben, gab es riesiges Interesse daran. Wir waren der erste TRR in der BWL und sind es auch immer noch. Und nicht umsonst haben wir ein Fragezeichen hinter unserer größten Forschungsfrage. Also: Kann Transparenz helfen?
Transparenz ist die Voraussetzung, um überhaupt etwas bewegen zu können. Denn wenn man nicht weiß, was in den Wirtschaftsprozessen vor sich geht, dann fehlt Wissen, das für jede Form der Regulierung nötig ist.Thorsten Sellhorn, Direktor des Instituts für Rechnungswesen und Wirtschaftsprüfung der LMU
Und kann sie helfen?
Umweltökonomen sagen, der Klimawandel ist eigentlich ein gigantisches Marktversagen. Denn Unternehmen verursachen Treibhausgasemissionen, die unseren Planeten erhitzen und Schäden anrichten, die sich auf viele Billionen Euro summieren. Die Firmen müssen dafür aber nicht bezahlen, jedenfalls bis vor Kurzem nicht und schon gar nicht in vollem Umfang. Es bleiben also sogenannte externe Kosten. Und wenn so etwas passiert, dann muss reguliert werden.
Jetzt hat der Regulierer, also die Politik, drei Möglichkeiten: Sie kann Emissionen verbieten. Sie kann Emissionen teurer machen. Oder sie kann Transparenz über Emissionen fordern. Dabei wird oft gesagt, dass Transparenzregeln das stumpfeste Schwert aller politischen Vorgaben seien. Aber wenn Verbote und Besteuerung politisch nicht umsetzbar sind, dann bleibt eben nur Transparenz als dritte, als letzte Maßnahme, auf die man sich hoffentlich einigen kann.
Und Transparenz ist die Voraussetzung, um überhaupt etwas bewegen zu können. Denn wenn man nicht weiß, was in den Wirtschaftsprozessen vor sich geht, dann fehlt Wissen, das für jede Form der Regulierung nötig ist.
An wen richtet sich diese Transparenz?
Idealerweise bringt Transparenz auf verschiedensten Gebieten Dinge ans Licht, die dann die Entscheidungen von Menschen verändern. Wenn ich zum Beispiel gerne ein CO2-armes Fahrzeug fahren möchte, dann hilft es, wenn ein Autobauer Transparenz schafft über den CO2-Fußabdruck seines Autos im Vergleich zu dem von anderen Herstellern. Als Kunde kann ich dann den CO2-Fußabdruck, neben zum Beispiel Preis und PS-Anzahl, in meine Kaufentscheidung einbeziehen. Wenn die CO2-Informationen aber fehlen, dann ist dem Kunden eine solche Entscheidung überhaupt nicht möglich.
Genauso können auch Banken, Investoren oder Fonds überlegen, ob sie neben einer finanziellen Beurteilung eines Unternehmens auch dessen ESG-Performance mit in den Blick nehmen, also die Ausrichtung an Aspekten von Umwelt, Sozialem und Unternehmensführung. (Anmerkung der Redaktion: ESG steht für „Environmental, Social, Governance“)
Es gibt innerhalb dieses Sonderforschungsbereichs eine große Zahl von einzelnen Vorhaben. Gibt es eines, bei dem Sie einen besonderen Aha-Effekt hatten?
Unter anderem bei einer Studie, die wir hier an der LMU-Mensa aufgesetzt haben, um zu untersuchen: Macht es einen Unterschied für die Entscheidungen von Menschen, wenn man sie über den CO2-Fußabdruck eines Produkts informiert? Und spielt es eine Rolle, wie man das macht?
Wie sind Sie vorgegangen?
Auf dem Speiseplan wurde bei jedem Gericht der CO2-Ausstoß pro 100 Gramm Essen einmal in Gramm CO2-Äquivalente ausgedrückt, einmal in Umweltkosten in Cent und einmal in Prozent eines persönlichen Budgets, das ich für mein tägliches Essen zur Verfügung habe, wenn ich nach den Vorgaben des Pariser Klimaschutzabkommens von 2015 leben will. Zusätzlich kamen Ampelfarben als optische Signale zum Einsatz.
Was hat Sie dabei besonders überrascht?
Überraschend fand ich zunächst, dass die zusätzlichen Informationen überhaupt Auswirkungen aufs Verhalten hatten. Der Fleischkonsum ist in der Spitze um etwa 10 Prozent zurückgegangen.
Meine Erwartung war, dass Studierende für den CO2-Fußabdruck ihres Lebensstils bereits stark sensibilisiert sind, sodass solche Informationen für sie wenig Neuigkeitswert haben. Dass ein Student vor dem Speiseplan steht und sagt „Oh, dieses Schnitzel verursacht ja deutlich mehr CO2, als ich gedacht hätte, deswegen lasse ich das heute mal weg“, das hätte ich nicht erwartet.
Und es hat mich überrascht, dass die in Euro ausgedrückten Kosten bei den Studierenden den stärksten Effekt hatten. Wir hätten auf die prozentuale Budgetdarstellung getippt, denn die Eurobeträge sind für die meisten Speisen eher gering.
Ein anderes Projekt, das Sie mit auf den Weg gebracht haben, ist der Sustainability Reporting Navigator. Was verbirgt sich dahinter?
Das ist eine Open-Science-Plattform, auf der wir Nachhaltigkeitsberichte von Firmen frei zugänglich machen: für die Wissenschaft, aber auch für die breite Öffentlichkeit. In Europa muss man Nachhaltigkeits- und Geschäftsberichte bislang noch sehr aufwendig suchen, etwa auf Unternehmens-Websites.
Wir haben uns zur Aufgabe gemacht, diese Berichte zu sammeln, auf einer Website online zu stellen und Recherchen möglich zu machen, auch mit einem KI-Tool. So lassen sich ein oder mehrere Unternehmensberichte durchsuchen und Fragen stellen, etwa: Wie ist der CO2-Fußabdruck, wie ist der Gender-Pay-Gap, wie sind Arbeitsbedingungen, Mitarbeiterzufriedenheit usw. in einer bestimmten Firma? Die KI zieht dann diese Informationen aus den Quellen heraus und gibt auch die Fundstellen an.
Das sorgt für Transparenz und dafür, dass jede und jeder diese Aspekte nachprüfen und sich ein Bild des jeweiligen Unternehmens machen kann, etwa inwieweit es nachhaltig wirtschaftet.
Prof. Dr. Thorsten Sellhorn ist Direktor des Instituts für Rechnungswesen und Wirtschaftsprüfung der LMU. Er ist Principal Investigator im TRR 266 Accounting for Transparency der DFG und derzeit Standortsprecher des Forschungsverbunds.